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Presse

Drei Pole der Außenseiterkunst

18.11.2010, München
Peter Kapeller, Sigrid Reingruber und Annemarie Delleg erhalten den Europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik von Künstlern mit geistiger Behinderung "euward" der Augustinum Stiftung

Am Donnerstag, 18. November, 19.00 Uhr, verleiht die Augustinum Stiftung im Haus der Kunst in München zum fünften Mal den euward, den Europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik von Künstlern mit geistiger Behinderung. Der euward ist die erste und bislang einzige Auszeichnung von internationaler Bedeutung auf diesem Sektor der Kunst. Mit der Preisverleihung wird zugleich die Ausstellung mit Werken der Preisträger und der 22 weiteren nominierten Künstler aus acht europäischen Nationen eröffnet, die bis zum 9. Januar 2011 im Haus der Kunst zu sehen ist.

Detailreich und düster überladene Seelenlandschaften hier, eine glockenhell erzählte Jugendromantik dort, und dann, die fast auf ein einziges Zeichen reduzierten, repetitiven Sprachgebärden in Serie: Mit dem Werk von Peter Kapeller, Sigrid Reingruber und Annemarie Delleg hat die Jury drei Erscheinungen der zeitgenössischen Außenseiterkunst herausgehoben, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Es sind drei entfernteste Pole, wie wir sie in dieser Kunst immer wieder finden und wie sie deren ästhetische und auch menschliche Bandbreite demonstrieren. So schreibt Klaus Mecherlein, der Kurator der Ausstellung, über die drei Gewinner des euward5.


1. Preisträger: Peter Kapeller
Den ersten Preis erhält der 1969 in Wien geborene und auch heute noch dort lebende Peter Kapeller. Nach Besuch von Volks- und Hauptschule begann er eine Lehre als Sanitärtechniker, die er allerdings aufgrund einer psychischen Krise nicht beenden konnte. Die Erkrankung prägte seine Biografie. Kapeller wohnt und arbeitet in einer kleinen Gemeindewohnung in Wien. Seine Zeichnungen und Radierungen fertigt er in stundenlangen nächtlichen Sitzungen an.
Peter Kapeller, der sich als Künstler und als Mensch in einer geradezu misstrauisch gehüteten Autonomie gegenüber jeglicher Art von Einflussnahme zu behaupten sucht. Keine Institution, keine Ratgeber oder Kritiker, keine Autorität darf in seine Vorstellungen eingreifen. Seine Ausdrucksweise hat er aus innerer Notwendigkeit entwickelt, über die Jahre nur leicht verändert, und er reflektiert sie permanent an seinen eigenen Ansprüchen, die er überdies mit literarischen Kronzeugen unterlegt: "Der Künstler entscheidet, was seine Kunst ist, und er entscheidet, was überhaupt Kunst ist." Er sieht seine Kunst auch nicht als Art Brut, sondern als seinen Beitrag zu einer kritischen "Subkultur", die die skandalösen gesellschaft-lichen Missstände anprangert und mit der Beschreibung seines eigenen, "von Grund auf beschissenen Lebens", einen stellvertretenden Kampf um die Erhaltung seiner persönlichen Integrität ausficht. Diese wird ständig von vielen Seiten in Frage gestellt und ist von der Aushöhlung bedroht. Bedroht von der Enge der Lebensverhältnisse, vom Unverständnis der Nachbarn, der Abhängigkeit von Medikamenten, vom Schubladendenken einer ignoranten Gesellschaft, der undurchschaubaren "Wirklichkeit" überhaupt, mit ihren Katastrophen und Krisen. Dagegen arbeitet und schreibt Peter Kapeller an mit der rhetorischen Überprägnanz seines "Rapidographen". Mit einem mikroskopischen Blick auf die "Wirklichkeit" operiert er an der gleichermaßen realen wie fiktiven Grenze seiner Autonomie.


2. Preisträgerin: Sigrid Reingruber
Der zweite Preis geht an Sigrid Reingruber, 1980 in Gmunden, Österreich, geboren. Sie arbeitet seit 1995 täglich im Atelier der Kunstwerkstatt der Lebenshilfe Gmunden. Reingruber hat ihrer künstlerischen Sprache mehrere Dialekte gegeben. Je nach Befinden bringt sie Symbole wie den Kreis, das Kreuz, das Dreieck in immer neue Zusammenhänge oder arbeitet an Schütt-, Spritz- und so genannten Kritzelbildern, die riesige Formate annehmen können.
Das Bild integriert und vereinheitlicht alle Lebensbereiche und Verrichtungen, es bildet ihren stabilisierenden Hintergrund. Eine solche Matrix kann sich auch über eine unendliche Folge von immer gleichen Bilder erstrecken, wie es bei Sigrid Reingruber der Fall ist. Subtil gestische Bilder, die keine Geschichte erzählen, sondern sich in der Ansammlung, Verdichtung und Verschränkung von rudimentären Zeichen oder grafischen Formeln ergehen. Eher versuchen sie etwas zu verbergen, zum verschwinden zu bringen, vergessen zu machen. und sie benutzen dazu nicht Figuren, nicht Farbe und Form, sondern die Schrift. Eine Schrift aber, die nicht aus bedeutungstragenden, sondern aus leeren, offenen Zeichen besteht. Diese Offenheit, Wiederholbarkeit des Geschehens, das Sich-Ausbreiten über eine endlose Reihe von Objekten, erlaubt die ständige Rückkehr zu sich selbst.


3. Preisträgerin: Annemarie Delleg
Die dritte Preisträgerin ist Annemarie Delleg. Die Zweiundzwanzigjährige ist auf einem Bauernhof in Südtirol aufgewachsen. Sie liebt Tiere, liebt ihren Freund Julian und ebenso gewiss die Familie, deren Lebensweise ihr eine einfache, bodenständige und behütete Kindheit in idyllischer Umgebung ermöglicht hat. Sie hat gelernt zu zeichnen, vielmehr, sie hat es sich selbst beigebracht. Sie hat gelernt zu träumen, und sie träumt von Rom, dem Kuss, ihrer Hochzeit im roten Kleid, den Stars von Cannes, von Meerjungfrauen und Schwangeren. Sie sieht sich als Marketenderin, Magierin, Engel, ...., breitet sich aus in ihren verschiedenen Rollen, probiert Identitäten und Posen, versucht sich in ihren Träumen zu erweitern. Sie kämpft in ihren Bildern um die anschauliche Evidenz dieser Visionen. Zugleich versucht sie dabei "Es" richtig zu treffen und möchte stets "richtig können", was sie tut. Sie hat offenbar Vorbilder dafür, wie es richtig ist. Sie verfügt aber auch über das Gefühl und über die bildimmanente Logik, wie es wirklich ist.
Die Konfliktträchtigkeit dieser Versuche ist in den Bildern nicht nur unübersehbar, sondern sie erst macht das Werk auch interessant und bemerkenswert. Dem Betrachter, der nicht nach dem "Können" einer von Down-Syndrom betroffenen Kind-Person, sondern nach ihrer Erlebniswirklichkeit fragt, nicht von der anrührenden Repräsentation eines Idylls geblendet, sondern von den Brüchen und Rissen in diesen Bildern erfasst wird, springt sie ins Auge. Einem Betrachter, der das Sichtbare, Erkennbare wahrnehmen, darin lesen, es unwillkürlich auch an dem verfügbaren Vorrat von Bildern und kulturellen Darstellungskonventionen misst, statt es nur auf eine etwaige (per se) "irreguläre" bildnerische Sprache der Outsider zu reduzieren.


Schirmherrin ist die bayerische Europaministerin Emilia Müller
"Es spricht für das Konzept, dass der euward in diesem Jahr schon zum fünften Mal stattfindet. Künstler mit geistiger Behinderung beweisen eine außergewöhnliche Sensibilität für Formen, Farben und Materialien. Sie verstehen ihre Eindrücke und Gefühle in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, die ästhetisch überzeugt und emotional berührt. Sie leisten als Künstler Großartiges", schreibt die Schirmherrin des euward, die Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten in der Bayerischen Staatskanzlei, Emilia Müller, in Ihrem Vorwort zum Katalog.


Die Augustinum Stiftung
Unter dem Dach der Augustinum Stiftung betreibt die Augustinum Gruppe bundesweit 22 Wohnstifte für Senioren, zwei Sanatorien für Menschen mit demenziellen Erkrankungen in Bonn-Oberkassel und in Schwindegg (Oberbayern), eine Fachklinik für Innere Medizin mit angeschlossener Herzchirurgie in München sowie das Heilpädagogische Centrum Augustinum, in dessen Einrichtungen in und um München Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistiger und Mehrfachbehinderung betreut werden. Als Schulträger ist das Augustinum zudem in der Arbeit mit Hörgeschädigten und Kindern mit Legasthenie, Dyskalkulie und ADHS führend. Das Augustinum ist gemeinnützig und Mitglied im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche.



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Kontakt
Klaus Mecherlein
atelier hpca & euward Archiv
Hirschplanallee 2
85764 Oberschleißheim
Tel.: +49 89 315 81-161
Fax: +49 89 315 16 78 Klaus Mecherlein
Das Augustinum
Im HPCA
Bereits seit 1968 betreibt das Augustinum das Heilpädagogische Centrum. Lesen Sie mehr über die Augustinum Gruppe. weiter
Sponsoren
Der euward wird unterstützt durch die Evangelische Kreditgenossenschaft und den Sanitas Versicherungs- und Wirtschaftsdienst sowie von weiteren Sponsoren. weiter
Schirmherrin
Die Schirmherrschaft für den euward liegt bei der bayerischen Staatsministerin für Europaangelegenheiten, Emilia Müller. weiter